Im Gespräch miteinander

Eva Hillebold und Christoph Baumanns

Kirche, Krise, Kreativität: Lust auf Veränderung

MITREDEN / MITGESTALTEN – der Reformprozess der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) 500 Jahre nach der Homberger Synode

Veränderungen haben mindestens zwei Seiten: die Trauer über das, was verloren geht, und die Freude über das, was neu entsteht. Bei den Veränderungsprozessen der EKKW ist beides mit Händen zu greifen. Oder anders gesagt: Wir akzeptieren die Fakten, begegnen ihnen jedoch mit neuen Ideen. Indem wir Fragen stellen, zuhören und handeln, werden wir das Beste daraus machen.

„Wir sind ganz normale Menschen in einer außergewöhnlichen Situation und machen das Beste daraus.“ Das entgegnete der Mitarbeiter einer Organisation, die stark unter Druck geraten war, auf den Hinweis, die Öffentlichkeit würde sehr aufmerksam die nächsten Schritte verfolgen. In außergewöhnlichen Situationen das Beste daraus machen – ein beruhigender wie aufregender Gedanke! Auch unsere Kirche steht unter Druck, und die Erwartungen an ihre Veränderungsbereitschaft sind groß.

Was uns trägt: Verluste schmerzen, doch Aufbrüche sind möglich – wenn wir uns auf das Neue einlassen. Kirche bleibt lebendig, wo Menschen mitgestalten. 

Trotz Sanierung: Die Kirche ist offen

„Wir machen das Beste draus“ – Kirche unter Druck, aber mit Haltung

Was ist die außergewöhnliche Situation? So sagte ein Küster, er verstünde nicht, warum sich alle wegen der zurückgehenden Zahl der Kirchenmitglieder so aufregen. Die Kirchen hätten Pest, Cholera und Spanische Grippe, den Dreißigjährigen Krieg und zwei Weltkriege überstanden und danach immer wieder neue Mitglieder bekommen. „Ach nee“, fügte er dann doch hinzu, „es kommen ja keine mehr nach.“ Ja, so ist es: Es gibt eine deutliche Zuspitzung bei den Kirchenaustritten. Menschen nehmen die vertrauten Angebote immer seltener wahr. Die Bedeutung der Kirche nimmt ab, und das Vertrauen in die Kirche als Institution ist erschüttert. Fast die Hälfte aller Menschen in unserem Land gehören keiner Kirche (mehr) an. Dieser Trend hält an. Und das hat Folgen: Unsere finanziellen Mittel nehmen beständig und deutlich ab, und uns fehlt der Nachwuchs bei den Haupt- und Ehrenamtlichen. 


Was bleibt, was trägt: Kirche als gesellschaftlicher Anker

Zugleich nehmen die Menschen wahr, dass die Kirchen weiterhin eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielen. Das, was Kirche für und mit anderen tut, wird anerkannt und geschätzt:

  • für die, die am Rande stehen, die fremd sind, die verloren sind oder verloren zu gehen drohen: Kirche wird für ihr diakonisches Engagement gebraucht;
  • für ihr klares Eintreten für Gerechtigkeit, Toleranz und Verständigung: Kirche stellt sich gegen extremistische, antisemitische, islamfeindliche, rassistische und überhaupt gegen menschenverachtende Positionen;
  • für Taufen am Fluss, im Schwimmbad oder am Taufbecken, für Trauungen und Segenshandlungen, ob spontan oder lange geplant, für die Begleitung von Sterbenden und Trauernden, für die Gemeinde vor Ort, im Krankenhaus, bei der Landesgartenschau oder beim Hessentag, in der Schule, für Kinder und Jugendliche, für Menschen im Berufsleben und für Seniorinnen und Senioren: Kirche ist immer da, wenn man nach ihr fragt. 


Zuhören. Nachfragen. Entscheiden. Arbeiten – unser Auftrag 2021

Mit der Frage „Wo braucht Gott uns und wo brauchen die Menschen uns jetzt besonders?“ gingen wir Anfang 2021 in einen (weiteren) Veränderungsprozess. Wir suchten unter Mitwirkung vieler verschiedener Menschen (diese Art der Beteiligung haben wir uns vom Landgrafen und seiner Organisation der Homberger Synode vor 500 Jahren abgeschaut) nach Möglichkeiten, wie wir unseren Auftrag „Evangelium teilen“ als Kirche in heutiger Zeit beschreiben können. Und das fanden wir gemeinsam heraus:

Fünf Kriterien helfen uns, Veränderungsprozesse zu bewerten und gute Entscheidungen zu treffen: Fördert die Veränderung unsere Ausstrahlung? Stärkt sie Kooperationen? Erschließt sie neue Kontaktflächen? Ist sie motivierend? Und: Wie steht es um ihre Nachhaltigkeit? Dazu haben wir sechs Handlungsfelder identifiziert, die für unser kirchliches Handeln am wichtigsten sind:

  • Wir helfen Menschen.
  • Wir eröffnen Gemeinschaft.
  • Wir begleiten Menschen durchs Leben.
  • Wir eröffnen, suchen und gestalten Räume.
  • Wir bringen unsere Stimme in die Gesellschaft ein.
  • Wir bewahren und deuten die christliche Botschaft und erzählen vom Glauben.

Mut zur Lücke: Nicht alles bleibt. Nicht alles muss bleiben. Aber 
vieles kann wachsen – wenn wir es zulassen.

Grafik „Hören auf Gott und das, was Menschen brauchen"

Grafik „Hören auf Gott und das, was Menschen brauchen" | Karte bestellbar über reformprozess@ekkw.de

Hier gestalten wir eine Kirche mit Zukunft

Auf allen Ebenen – Kirchengemeinden, Kirchenkreise, Landeskirche – treiben wir mit Nachdruck, Diskussionsfreude und Solidarität Veränderungen voran:

  • Eine Kirche der Zukunft gelingt, wenn wir regional, vielfältig, ökumenisch denken und arbeiten.
  • Für das, was unsere Haupt- und Ehrenamtlichen können, entwickeln wir ein neues Zusammenwirken. ‚Interprofessionalität‘ lautet das Stichwort.
  • Die Zahl unserer Gebäude passen wir an unseren tatsächlichen Bedarf an. Wir sorgen in ihnen für eine einladende Atmosphäre und nutzen sie gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Akteuren.
  • Wir verringern unsere Ausgaben so, dass sie unseren sinkenden Einnahmen entsprechen.
  • Wir setzen auf eine kundenorientierte Verwaltung, die kirchliche Weiterentwicklung unterstützt.
  • Und ganz wichtig: Wir probieren in allen Handlungsfeldern Neues aus und lassen weg, was nicht mehr funktioniert.

Kirche wirkt: Von der Taufe im Fluss bis zur Fürsprache gegen Hass: Kirche bleibt gefragt – genau da, wo Menschen sie brauchen.

Wir reformieren gerade

Echt jetzt? Echt jetzt! Warum sich zu verändern auch Freude macht

In allem, was wir tun, sind wir bereits Kirche, nicht erst in Zukunft, sondern schon jetzt. Auch mit dem Erleben von Scheitern und Neuanfangen, mit dem Traurigsein um das, was nicht mehr sein wird, mit dem Nicht-Wissen, wohin es letztendlich geht, und dem Wahrnehmen erster Konturen, wo sich Kirche anders anbahnt und wie eine andere Kirche sein könnte. Das ist die Power, die wir als Kirche haben: Wir sind es schon – und doch noch nicht ganz. 


Nachfragen und Neudenken – Kirche als Möglichkeitsraum

Mit unseren Fragen verändern wir Kirche: Nichts muss so bleiben, wie es ist, weil es schon immer so war. Immer weiter fragen: Die erste Antwort ist meist die gewohnte, aber die zweite, dritte oder auch vierte Antwort eröffnet oft etwas Anderes, was noch nicht gedacht wurde bei der ersten Antwort. Jede neue Antwort erhöht unsere Möglichkeiten, Kirche zu sein, Kirche anders zu sein. Dazu gehört auch, das Unvereinbare auszuhalten: Wir wissen nicht, wie sie sein wird, die Kirche der Zukunft, und doch werden wir heute dazu Entscheidungen treffen (müssen) und den Weg eröffnen.

Gute Ideen gehen nicht mehr weg. Das, was in Homberg 1526 angestoßen wurde, hat seine Spuren hinterlassen – vielleicht nicht sofort und auch nicht überall. Aber der synodale Gedanke, die gemeinsame Suche nach Antworten, diakonisches Engagement und evangelisches Bildungshandeln waren in der Welt. Die Ideen konnten wirken. Wen können wir einladen – wie einst der Landgraf Menschen nach Homberg einlud? Wer ist dabei?

Portrait Eva Hillebold und Christoph Baumanns

Über Autorin und Autor: Pfarrerin Eva Hillebold leitet die Stabstelle Reformprozess der EKKW. Christoph Baumanns, ebenfalls Stabsstelle Reformprozess, ist Beauftragter für Kommunikation in kirchlichen Transformationsprozessen bei der EKKW.

Bildlegenden

Im Gespräch miteinander | Foto: medio.tv/Christian Schauderna
„Trotz Sanierung: Die Kirche ist offen“ | Foto: Pfarrbriefservice.de/Peter Weidemann
Grafik „Hören auf Gott und das, was Menschen brauchen" | Karte bestellbar über reformprozess@ekkw.de
„Wir reformieren gerade“ | Foto: Pfarrbriefservice.de/Peter Weidemann
Portraitaufnahme Eva Hillebold und Christoph Baumanns | Foto: medio.tv/Christian Schauderna

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Begegnen. Gestalten. Erneuern.

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