Glockenstuhl der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)

Dennis Willershausen

Die Glocke, die nicht verstummte

Wie die Reformationsglocke von Homberg Krieg, Zerstörung und Vergessen überlebte

Sie gehört zu den größten Kirchenglocken in unserer nordhessischen Region: Die Reformationsglocke im Turm der Homberger Stadtkirche St. Marien. Von den Evangelischen Kirchengemeinden in Hessen zum 400. Jubiläum der Homberger Synode gestiftet, feiert die Reformationsglocke im Jahr 2026 ihren 100. Geburtstag. Mit ihr verbindet sich eine bewegte Geschichte, die von Diktatur und Krieg, aber auch von Resilienz erzählt.

Genau genommen beginnt die Geschichte der Homberger Reformationsglocke ein knappes Jahrzehnt vor ihrer Herstellung. Im Ersten Weltkrieg wurden deutschlandweit über 65.000 Kirchenglocken eingezogen, um sie einzuschmelzen und aus dem Material Kriegswaffen zu produzieren. Auch die Kirchengemeinde Homberg blieb nicht verschont, sodass Anfang der 1920er Jahre nur noch zwei Glocken vom Turm der Stadtkirche zu hören waren – die 1656 nach der Zerstörung des Turms gegossene ‚Geschichtsglocke‘ (in Homberg auch als ‚Totenglöckchen‘ bekannt) und eine Glocke von 1710. Es war ein dürres Geläut. In der Stadt war man sich einig, dass die Vierhundertjahrfeier der Homberger Synode einen lauteren und volleren Ton verdiente, als ihn diese beiden verbliebenen Glocken liefern konnten.

Ein zweites Mal droht der Klang der Kirche zu verstummen: Im Zweiten Weltkrieg wird das Homberger Geläut erneut konfisziert – auch die Reformationsglocke bleibt nicht verschont.

Reformationsglocke der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)

Gegossen für den Klang der Freiheit

Tatsächlich konnte im Jahr 1926 das Geläut der Stadtkirche von zwei auf vier Glocken aufgestockt werden. Spenden aus der Bevölkerung ermöglichten den Guss der sogenannten ‚Heldenglocke‘, deren Größe zwischen den beiden vorhandenen Glocken lag.

Die zweite neue Glocke jedoch war wesentlich größer. Sie hatte ein Gewicht von 1.790 kg und einen unteren Durchmesser von 147 cm. Vermutlich war sie die größte Glocke, die es jemals in Homberg gegeben hatte. Gestiftet wurde diese zweite Glocke von den Evangelischen Kirchengemeinden in Hessen. Ihr Name war Programm: Als ‚Reformationsglocke‘ sollte sie an den Jahrestag der Homberger Synode und an die Einführung der Reformation in Hessen vor 400 Jahren erinnern. Beide Neugüsse, die Heldenglocke und die Reformationsglocke, stammten aus der berühmten Hofglockengießerei Franz Schilling Söhne im thüringischen Apolda.

Am 6. November 1926 trafen beide Glocken am Homberger Bahnhof ein. Von dort wurden sie auf einem reich geschmückten und von vier Pferden gezogenen Wagen im Beisein vieler Bürgerinnen und Bürger feierlich zum Hauptportal der Stadtkirche gefahren. Während die kleinere Heldenglocke innerhalb von fünfzehn Minuten in die Glockenstube gehievt werden konnte, dauerte das Aufziehen der großen Reformationsglocke eine ganze Stunde. Aber die Operation war erfolgreich: Wenige Tage später erschallte das neue Vierergeläut erstmals über der Stadt, voran das kräftige c’ der Reformationsglocke. 


Die Glocke auf dem Weg ins Feuer

Leider blieb es nicht beim Vierergeläut. Im Zweiten Weltkrieg wurden wieder Glocken eingeschmolzen, um die für die Rüstungsindustrie benötigten Rohstoffe zu liefern. Die beschlagnahmten Glocken, insgesamt waren es etwa 90.000, wurden auf den sogenannten Glockenfriedhof nach Hamburg-Veddel gebracht. Etwa die Hälfte dieser Glocken wanderte tatsächlich in den Schmelzofen. Der Großteil der nicht eingeschmolzenen Glocken wurde im Sommer 1943 bei den Bombenangriffen auf Hamburg zerstört.

Das Geläut der Homberger Stadtkirche wurde von dieser erneuten Enteignung schwer getroffen: Von den vier Glocken mussten die drei größten, also auch die Reformationsglocke, abgeliefert werden. Zurück blieb lediglich die kleine Geschichtsglocke von 1656. Damit war das Geläut der Reformationskirche Hessens noch bescheidener als nach dem Ersten Weltkrieg.

Was die Bomben nicht zerstörten, rettete die Bürokratie: Weil sie als „historisch wertvoll“ galt, überstand die Glocke selbst den Glockenfriedhof von Hamburg.

Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)

Gerettet durch Paragrafen und Kategorien

Die Heldenglocke von 1926 und die im Jahr 1710 gegossene Glocke waren endgültig verloren. Die Reformationsglocke hingegen profitierte von deutscher Bürokratie, die dem nationalsozialistischen Wahnsinn auch im Fall der Glockenvernichtung so etwas wie eine Methode verlieh.

Man hatte alle Glocken Deutschlands in vier Kategorien eingeteilt. Der Ordnungsbuchstabe A stand für „ohne besonderen Wert“, der Buchstabe B für „musikalisch wertvoll“, der Buchstabe C für „historisch wertvoll“ und der Buchstabe D für „komplett befreit“. Die kleine Homberger Geschichtsglocke war von der Abgabe befreit, da sie als „läutefähige Glocke“ für Notfälle in der Stadt verbleiben durfte.

Die Reformationsglocke (Abgabenummer 12/17/152 C) hatte man als historisch wertvoll eingestuft und daher von der Einschmelzung zunächst zurückgestellt. Auch den Bombenhagel überstand sie nahezu unbeschadet. Wie 16.000 weitere Glocken konnte sie nach dem Krieg mit Hilfe des ‚Ausschusses für die Rückführung von Glocken‘ (ARG) auf dem Hamburger Glockenfriedhof identifiziert und in ihre Heimatgemeinde zurückgebracht werden. 

„Allein aus Gnaden“, durch Gottes Gnade, ohne eigenes Zutun oder eigenen Verdienst, wird der Mensch gerettet. Das ist die zentrale Botschaft der Reformation. Und diese Botschaft scheint auch zu gelten für die Reformationsglocke im Turm der Homberger Stadtkirche St. Marien.

Die Rückkehr – und ein neues Zusammenspiel

Der Heimweg der Reformationsglocke glich einer Odyssee – zunächst per Binnenschiff in den Hanauer Hafen, anschließend per Eisenbahn nach Kassel und schließlich mit einem LKW der Firma Westermann nach Homberg. Am 24. Februar 1948 konnte sie wieder in den Turm der Stadtkirche aufgezogen werden. Einige tiefe Furchen am unteren Glockenrand zeugen von ihrer bewegten Geschichte.

Die Spendenbereitschaft der Homberger Bevölkerung machte es bereits 1949 möglich, drei weitere Glocken anzuschaffen und die Lücke zwischen der großen Reformationsglocke und der kleinen Geschichtsglocke zu schließen. Gegossen wurden die drei neuen Glocken von der Firma Rincker in Sinn. Seitdem ist ein beeindruckendes fünfstimmiges Geläut über Homberg zu hören. Den Grundton gibt die mächtige Reformationsglocke an.


Ein klangvolles Zeichen am Reformationstag

Zu besonderen Ehren kommt die Reformationsglocke seit einigen Jahren an jedem 31. Oktober, dem Reformationstag. Pünktlich um 15:17 Uhr wird die Glocke per Hand exakt 95mal angeschlagen, um an Luthers Thesen aus dem Jahr 1517 zu erinnern. Zu dieser Aktion in der Glockenstube über den Dächern Hombergs sind alle Menschen herzlich eingeladen.

Dabei bietet sich auch die Gelegenheit, die Inschrift auf der Flanke der bewusst schlicht gehaltenen Glocke zu lesen:

R E F O R M A T I O N S G L O C K E
STIFTUNG / DER / EVANGELISCHEN / GEMEINDEN / HESSENS

1526 – 1926

„ALLEIN AUS GNADEN“

„Gut zu wissen“
Zwischen dem 21. Februar und dem 31. Oktober 2026 können Sie die Reformationsglocke täglich hören. In diesem Zeitraum wird sie mittags um 12 Uhr anstelle der Gebetsglocke erklingen.

Portrait Dennis Willershausen

Über den Autor: Dennis Willershausen war von 2008 bis 2019 Türmer an der Homberger Stadtkirche St. Marien und ist ein anerkannter und viel gefragter Experte für Kirchenglocken.

Bildlegenden

Glockenstuhl der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) | Foto: Medienhaus Homberg/Mike Luthardt
Reformationsglocke der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) | Foto: Medienhaus Homberg/Mike Luthardt
Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) | Foto: Medienhaus Homberg/Mike Luthardt

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Begegnen. Gestalten. Erneuern.
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