Das Konzept Knüll gesund

Katrin Wettlaufer

Neue Wege in der medizinischen Versorgung

Das Konzept Knüll gesund

Landgraf Philipp nahm die Herausforderungen seiner Zeit an. Mit seinen Hospitalgründungen und einer Reform der kommunalen Armenfürsorge verbesserte er nachhaltig die Daseinsvorsorge in der Landgrafschaft. Auch heute steht das Gesundheitssystem in Deutschland vor einem tiefgreifenden Wandel. 

Um eine Überlastung zu verhindern und den finanziellen Kollaps abzuwenden, sind Veränderungen dringend notwendig. Dies gilt sowohl für den stationären Bereich, also für die Krankenhäuser, als auch für den ambulanten Sektor, d. h. für die Versorgung durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Neue Wege in der ambulanten Versorgung auf dem Land werden mit dem Konzept Knüll gesund beschritten.

Wie Landgraf Philipp einst die medizinische Versorgung reformierte – und warum wir heute wieder vor einem historischen Wendepunkt stehen.

Die Attraktivität der hausärztlichen Tätigkeit nimmt ab

Gerade auf dem Land gibt es immer weniger Ärztinnen und Ärzte, die sich für eine hausärztliche Tätigkeit entscheiden. Die Anforderungen, die mit dieser Arbeit einhergehen, sind vielfältig und schrecken viele junge Medizinerinnen und Mediziner ab. Wie in anderen Berufen spielen die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die gemeinsame Sorge für Kinder und Familienangehörige und eine ausgewogene Work-Life-Balance eine nicht unwesentliche Rolle bei der Job-Suche. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele junge Medizinerinnen und Mediziner lieber im Angestelltenverhältnis, oft auch in Teilzeit, arbeiten wollen, als eine hausärztliche Praxis zu gründen oder zu übernehmen.


Die Zahl älterer Menschen steigt – und damit wächst auch der Bedarf nach medizinischer Versorgung

Es kommen viele Dinge zusammen: Zum einen wollen weniger junge Ärztinnen und Ärzte den Beruf der Hausärztin oder des Hausarztes ergreifen. Zum anderen wird unsere Gesellschaft immer älter. Da ältere Menschen häufiger krank sind als jüngere, müssen mehr Menschen betreut und medizinisch versorgt werden. Gleichzeitig gehören viele derzeit noch praktizierende Ärztinnen und Ärzte selbst der Generation der ‚Baby Boomer‘ an und werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Alle diese Faktoren sorgen dafür, dass künftig mehr Menschen von weniger Hausärztinnen und Hausärzten versorgt werden müssen.

Ärztemangel auf dem Land, überlastete Notaufnahmen – was tun? Eine Region in Nordhessen geht neue Wege.

Das Konzept Knüll gesund

Rettungsdienste und Notaufnahmen werden überlastet

Das Ungleichgeweicht zwischen der steigenden Anzahl bedürftiger Menschen und dem abnehmenden hausärztlichen Angebot führt zu einem weiteren Problem: Viele Menschen wissen nicht genau, wann sie wirklich einen Arzt benötigen, in die Notaufnahme müssen oder den Rettungsdienst holen sollten. Mangels lokaler Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner wenden sie sich auch in Situationen an den Notdienst, die keine akuten Notfälle darstellen. Das führt unweigerlich zur Überlastung von Rettungsdiensten und Notaufnahmen in den Krankenhäusern – und beeinträchtigt die Versorgung echter Notfälle. 


Das Konzept Knüll gesund – neue Ideen für eine bessere Versorgung

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Es werden neue Ideen entwickelt, damit alle Menschen – auch auf dem Land – medizinisch gut versorgt werden können. Ein Beispiel ist das Projekt Knüll gesund: Im Rahmen der Lokalen Entwicklungsstrategie 2023-2027 der LEADER-Region Knüll soll ein Projekt entwickelt werden, das zum Ziel hat, die gesundheitliche Versorgung der Menschen im Knüll nachhaltig zu verbessern.

Zur LEADER-Region Knüll gehören Anteile der Landkreise Hersfeld-Rotenburg und Schwalm-Eder. Verteilt auf 11 Städte und Gemeinden, leben hier auf 694 km2 Fläche etwa 54.000 Menschen.

Drei Bausteine, ein Ziel: Wie digitale Lösungen, kommunale Beratung und medizinisches Case Management gemeinsam die Gesundheitsversorgung stärken.

Das Konzept Knüll gesund | Grafik

Das Konzept Knüll gesund besteht im Wesentlichen aus:

  • Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten vor Ort mit ‚ambulanten Case Managern‘. Die Case Manager sind speziell geschulte medizinische Fachkräfte. Im Auftrag der Hausärztinnen und Hausärzte kümmern sie sich darum, dass ältere oder kranke Menschen genau die Hilfe bekommen, die sie benötigen – z. B. bei der Organisation therapeutischer oder pflegerischer Maßnahmen, in Fragen der Gesundheits- und Pflegebürokratie oder auch bei der Suche nach Unterstützung für den Umbau der Wohnung. Dies entlastet die Arztpraxen und verbessert gleichzeitig die Versorgung der Patienten.
     
  • Kommunale Beratungseinheiten. In Rathäusern oder anderen Begegnungsstätten helfen kommunale Mitarbeitende den älteren oder kranken Menschen bei der Kontaktaufnahme mit den vor Ort verfügbaren Gesundheitsdienstleistern, z. B. mit Pflegediensten oder Physiotherapie-Praxen. Zudem können die Gesundheitsdienstleister Informationen über ihre Angebote sowie eigene Sprechstunden in der Beratungseinheit anbieten. Auf einer digitalen Plattform werden alle Angebote gebündelt präsentiert.
     
  • eHealth – Telemedizin. Alle an der Versorgung der Patientinnen und Patienten beteiligten Ärztinnen und Ärzte, Case Manager und Dienstleister nutzen ein gemeinsames Videokonferenzsystem für Videosprechstunden, für Besprechungen und für den Datenaustausch. Das spart Wege und Zeit – für Ärztinnen und Ärzte wie für Patientinnen und Patienten.

    Das Projekt befindet sich noch in der Entwicklungsphase. Unterschiedliche Akteure vor Ort arbeiten engagiert an seiner Umsetzung. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir mit Knüll gesund auch in Zukunft eine hochwertige medizinische Versorgung auf dem Land sichern können – auch wenn vielleicht nicht mehr alle hausärztlichen Praxen im bisherigen Umfang weitergeführt werden können.

Zwischen Umbruch und Aufbruch: Warum die Zukunft unseres Gesundheitssystems auch in unserer eigenen Hand liegt.

Wir müssen gemeinsam neue Wege gehen

Veränderungen machen unruhig, bereiten Sorgen und verstärken Ängste. Manche wünschen sich eine ‚gute alte Zeit‘ zurück. Dabei wird häufig ausgeblendet, dass die alten Konzepte nicht mehr in die heutige Lebensrealität passen. Vielfach werden auch Ängste und Sorgen in der Bevölkerung von populistischen Kräften genutzt, um die Gesellschaft zu spalten.

Dabei bieten Veränderungen auch Chancen. In Zukunft werden wir alle unser eigenes Anspruchsverhalten hinsichtlich der Nutzung unseres Gesundheitssystems überprüfen müssen. Die Stärkung der eigenen Gesundheitskompetenz, die Gesundheitsförderung und die Prävention werden einen stärkeren Stellenwert einnehmen. Schon in der Schule, im Beruf oder im Alltag sollten wir lernen, wie wir gesund bleiben. So können wir unser Gesundheitssystem entlasten und alle gemeinsam dafür sorgen, dass es stark bleibt.


Zum Schluss: Es gibt Grund zur Hoffnung

Auch wenn die Lage im Moment schwierig ist – es wird an vielen Stellen an Lösungen gearbeitet. Wenn wir offen für neue Wege sind, einander helfen und mitdenken, können wir unser Gesundheitssystem zukunftssicher machen. Jede und jeder Einzelne kann dazu beitragen – das ist eine ermutigende Botschaft.

Portrait ???

Über die Autorin: Katrin Wettlaufer ist Gesundheitskoordinatorin im Schwalm-Eder-Kreis.

Bildlegenden

Das Konzept Knüll 1 | Foto: Pixabay/kian2018
Das Konzept Knüll 2 | Foto: stock.adobe.com/alice_photo

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