Klostersäulen

Johannes Schilling

Reformation ohne Rückkehr

Das Ende der Klöster in Hessen

Was bleibt, wenn jahrhundertealte Mauern fallen? Mit der Reformation endete nicht nur ein geistlicher Lebensentwurf – es war das abrupte Aus für ein ganzes System klösterlicher Ordnung, Bildung und Fürsorge. 

In der Landgrafschaft Hessen wurden die Tore der Konvente geschlossen, die Gelübde für nichtig erklärt, das geistliche Leben radikal neu geordnet. Doch aus dem Ende erwuchs ein neuer Anfang: Die Universität Marburg und Landeshospitäler in Haina, Merxhausen, Gronau und Hofheim – bleibende Früchte eines epochalen Umbruchs.

Mit der Reformation endete in der Landgrafschaft Hessen eine Jahrhunderte alte Institution – das Klosterwesen.

Der Philippstein im Kloster Haina

Der Philippstein im Kloster Haina | Foto: Heinrich Stürzl, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Die Struktur der Ordensgemeinschaften vor 1526

Neben den Pfarrkirchen waren in der Landgrafschaft Hessen seit dem frühen Mittelalter zahlreiche Klöster entstanden: Vor 1526 unterhielten fünfzehn Orden und ordensähnliche Gemeinschaften rund 40 Klöster und klösterliche Einrichtungen. Hinzu kamen das Martinsstift in Kassel und die Stiftskirchen in Hofgeismar und Rotenburg. Die alten Orden, Benediktiner und Zisterzienser, suchten die Einsamkeit und errichteten ihre Klöster auf dem Land. Bettelmönche siedelten ihre Klöster in den Städten an und nahmen dort, manchmal in Konkurrenz zu den Pfarrkirchen, Predigt und Seelsorge wahr.

Bedeutende Klöster der Benediktiner waren Hasungen und Breitenau. Das Zisterzienserkloster Haina war das größte und bei weitem reichste landsässige Kloster in der Landgrafschaft. Augustinereremiten hatten Klöster in Alsfeld und Eschwege, eine Kartause lag auf dem Heiligenberg zwischen Melsungen und Felsberg. In Marburg gab es Klöster der Franziskaner und der Dominikaner und eine Niederlassung der Brüder vom gemeinsamen Leben, der „Kugelherren“, wie man die geistlichen Personen nach ihren Kopfbedeckungen nannte. Viele dieser Klöster hatten sich im Lauf des 15. Jahrhunderts Reformbewegungen angeschlossen, sodass sie zu Beginn der Reformation wirtschaftlich und geistlich in gutem Zustand waren. 


Luthers Kritik am Mönchtum bleibt nicht ohne Folgen  

Der Augustinereremit Martin Luther war es, der dem Mönchtum seine theologische Legitimität absprach. Der Weg im Kloster sei eben nicht der bessere Weg zum Heil, vielmehr solle sich der Mensch in der Welt bewähren. Die Berufung, die Klosterpersonen erfahren hätten, beträfen alle Christenmenschen: Auch und gerade der weltliche Beruf zum Besten der Mitmenschen sei Gottesdienst.

Diese seit 1521 verbreitete Kritik blieb nicht ohne Folgen: Mönche und Nonnen traten aus den Klöstern aus, und die Landesherren zeigten Interesse an den geistlichen Besitzungen. 1525 führte Landgraf Philipp einen Briefwechsel mit dem Vorsteher des Marburger Franziskanerklosters, Nikolaus Ferber, in dem er reformatorische Überzeugungen vertrat – allein der Glaube an Christus führe zum Heil und nicht gute Werke, die die Klosterpersonen durch ihre Lebensweise vollzogen.

Anfang 1525 wurde es ernst: Am 24. Februar verfügte der Landgraf die Aufzeichnung des Klosterinventars. Ein Teil der Klostergüter und der kostbaren Kleinodien wurde eingezogen. Abendmahlskelche und Hostienschalen (Patenen) wurden eingeschmolzen. Um weiterhin Abendmahlsgottesdienst feiern zu können, durften die Klöster lediglich einen Kelch und eine Patene behalten. 

Die Reformation verwandelte spirituelle Zentren in Bildungsstätten. Aus den ‚unheiligen‘ Orten der Klöster erwuchs ein ‚heiliger‘ Ort der Bildung – die Universität Marburg.

Original erhaltenes Chorgestühl im Kloster Haina

Original erhaltenes Chorgestühl im Kloster Haina | Foto: Clemensfranz

Die Homberger Synode besiegelt das Ende der Klöster

Auf der Homberger Synode im Oktober 1526 wurde das Schicksal der Klöster offiziell besiegelt. In der dort stattfindenden Disputation konnte sich Nikolaus Ferber gegen seine Gegner nicht durchsetzen – er sollte alsbald das Land verlassen. Nach der Homberger Kirchenordnung sollten die Klöster aufgelöst werden. Die Klosterpersonen sollten die Klöster verlassen und einen anderen Beruf ergreifen.

Am 15. Oktober 1527 verordnete der Landgraf, wie mit den Ordensleuten und dem Klostervermögen verfahren werden sollte. Wer im Kloster bleiben wolle, dürfe das. Haina wurde für männliche, Merxhausen für weibliche Klosterpersonen als Zuflucht bestimmt. Dort konnten sie tatsächlich bis zu ihrem Lebensende bleiben. Austretende Mönche und Nonnen sollten finanziell abgefunden werden, denn sie hatten bei ihrem Eintritt Vermögenswerte in die Klöster eingebracht.

Das Hauptziel aber galt der Einrichtung einer Universität in Marburg, die aus den einstigen Einkünften der Klöster unterhalten werden sollte. Aus dem „unheiligen“ Kloster sollte nunmehr ein „heiliger“ Ort, die Universität, erstehen. 

Die Klosterauflösung in Hessen  war radikal und richtungsweisend. 38 Konvente wurden geschlossen, 835 Ordensleute abgefunden, 1 Universität und 4 Hospitäler gegründet.

Abfindung für Beda von Meisenberg, 1528

Abfindung für Beda von Meisenberg, 1528 | Foto: Hessisches Staatsarchiv Marburg, HStAM, Urk. 6, 264r

Das Schicksal der Nonnen und Mönche  

Im Verlauf der Klosterauflösung wurden nach 1527 in Hessen 835 Klosterpersonen aus 38 Konventen abgefunden, 367 aus Männer- und 468 aus Frauenklöstern. Der zahlenmäßig größte Frauenkonvent war das Kloster Haydau (Altmorschen). Aus Haina wurden 40 Mönche abgefertigt. Einige Frauen zogen es jedoch vor, weiterhin im Kloster zu bleiben.

In den Abfindungsurkunden unterschrieben die Klosterpersonen ein Formular, in dem sie erklärten, dass sie gemäß der Einsicht in das Wort Gottes das Klosterleben verlassen und fortan ein christliches Leben in der Welt führen wollten, da die Gelübde ganz und gar gegen das göttliche Wort und das Evangelium Jesu Christi seien.

Dieses Leben geriet den einzelnen mehr oder weniger gut. Manche Frauen kehrten zu ihren Familien zurück, andere, vor allem jüngere, heirateten. Eine nicht geringe Zahl ehemaliger Mönche wurden „evangelische“ Pfarrer – der Prozess des Werdens einer neuen reformatorischen Kirche sollte sich freilich noch längere Zeit hinziehen. Zu den prominenten Pfarrern dieser ersten Generation gehörten der ehemalige Dominikaner Hartmann Ibach in Marburg, die ehemaligen Franziskaner Johannes Kymeus in Homberg und Burkhard Waldis in Abterode, der frühere Kartäuser Johannes Lening in Melsungen und der ehemalige Augustinereremit Tilmann Schnabel in Alsfeld, der zu den Gründungsvätern der hessischen Landeskirche gehört.


Das weitreichende Erbe der Neuordnung

Die Frucht der Klosterauflösung war eine doppelte: Aus ihr ging die Universität Marburg hervor, die erste evangelische Universität im damaligen Reich, und Landeshospitäler wie in Haina – wegweisende und beispielhafte soziale Einrichtungen, mit denen Landgraf Philipp an das Wirken seiner Ahnfrau Elisabeth von Thüringen anknüpfte. Beide – sowohl die Universität als auch das Hospital in Haina – bestehen bis auf den heutigen Tag. 


Der Niedergang der Klöster als gemeinwohlorientierter Neuanfang

Die Auflösung der Klöster in der Landgrafschaft Hessen war mehr als eine kirchenpolitische Maßnahme – sie markierte einen epochalen Bruch mit der mittelalterlichen Welt. Was unter der Federführung Landgraf Philipps begann, war kein bloßer Akt der Säkularisation, sondern ein bewusster geistlicher und gesellschaftlicher Neuanfang. Die Klöster verschwanden – doch aus ihrem Erbe erwuchsen Institutionen, die bis heute wirken: eine neue Pfarrerschaft, eine reformatorisch geprägte Bildungslandschaft, eine soziale Verantwortung, die sich nicht mehr allein an Ordensgelübden, sondern am Gemeinwohl orientierte. Die Reformation kostete das Land seine Klöster – aber sie schenkte ihm Zukunft.

Portrait Johannes Schilling

Über den Autor: Johannes Schilling ist in Melsungen geboren und war als Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte bis zu seiner Emeritierung Direktor des Instituts für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Bildlegenden

Klostersäulen | Foto: Pfarrbriefservice.de/Andreas Kochs
Der Philippstein im Kloster Haina | Foto: Heinrich Stürzl, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Original erhaltenes Chorgestühl im Kloster Haina | Foto: Clemensfranz
Abfindung für Beda von Meisenberg 1528 | Foto: Hessisches Staatsarchiv Marburg, HStAM, Urk. 6, 264r

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