Kloster Haydau in Morschen (Frontansicht)

Otto Wohlgemuth

Rebell mit Bibel

Johann Sutel – der (fast) vergessene Reformator aus Morschen

Ohne Menschen wie ihn wäre die Reformation nur eine Randnotiz geblieben: Johann Sutel, 1504 im nordhessischen Morschen geboren, kämpfte unbeirrt für die neue Lehre – und riskierte dabei mehr als nur seinen Ruf. In Göttingen predigte er unter Wachschutz, in Schweinfurt trotzte er der Pest und in Northeim schuf er bleibende Strukturen für die evangelische Kirche. Kaum jemand kennt seinen Namen – dabei war er einer der mutigsten Wegbereiter des reformierten Glaubens.

Johann Sutels letzte Worte sind nicht überliefert. Wir wissen nicht, auf welche Phase seines Lebens er zurückblickte, als er 1575 im Alter von 71 Jahren starb. Waren es die beiden letzten ruhigen Jahrzehnte als Pfarrer in Northeim? Oder doch die bewegte Zeit zwischen 1530 und 1555, als er den neuen Glauben in die Städte Göttingen und Schweinfurt trug?

Kloster Haydau in Morschen (Luftbild)

Wegbereiter der Reformation – das Leben eines Glaubenskämpfers

Was wäre aus der Reformation geworden, wenn Martin Luther und Philipp Melanchthon keine Mitstreiter gehabt hätten, die sich die neuen Ideen zu eigen gemacht hätten und an ihren Wirkungsstätten offen für ihre Überzeugungen eingestanden wären? Einer dieser Kämpfer für den neuen Glauben war der 1504 vermutlich im nordhessischen Kloster Haydau geborene Johann Sutel. 


Herkunft und Anfänge – wie alles begann

Im Jahr 1504 in Morschen geboren, besuchte Johann Sutel die Schule in Melsungen. Hier war sein wohlhabender Verwandter Konrad Sutel Priester an der Stadtkirche. Mit vierzehn Jahren, im Jahr 1518, trug Johann sich in die Studentenliste der Universität Erfurt ein. Und schon 1524 ist sein Abschluss mit dem Magisterexamen an der Philosophischen Fakultät registriert. Nach seiner Rückkehr nach Melsungen heiratete Johann Sutel gegen alle Widerstände seine Cousine Gude, obwohl das kanonische Recht eine Ehe unter nahen Blutsverwandten verbot. 


Lehrtätigkeit in Melsungen – ein Magister wird Missionar

Dennoch wurde der junge Magister der erste evangelische Rektor der Melsunger Lateinschule und lehrte hier bis 1530. In dieser Zeit begann auch seine lebenslange Freundschaft mit Johannes Lening, dem letzten Prior des Kartäuserklosters Eppenberg unterhalb des Heiligenbergs. Nach der Auflösung der Klöster war Lening der erste evangelische Geistliche in Melsungen und wurde einer der einflussreichsten Ratgeber Landgraf Philipps des Großmütigen. 


Priesteramt in Göttingen – predigen unter Schutz

Nach der Homberger Synode im Jahr 1526 und der Einführung der Reformation in Hessen war Philipp bemüht, auch Regionen außerhalb seiner Landgrafschaft für den neuen Glauben zu gewinnen. Im Jahr 1530 entsandte er den jungen Melsunger Schulmeister nach Göttingen. Noch ohne Priesterweihe hielt Johann Sutel seine Antrittspredigt in der Kirche St. Johannis. Seine eigentliche Wirkungsstätte war zunächst die Kirche St. Nikolai, die heutige Universitätskirche. Im altgläubigen Göttingen hatte Sutel keinen leichten Stand. Die Priesterschaft und besonders die franziskanischen Barfüßermönche waren nicht ohne weiteres geneigt, die alte Ordnung aufzugeben. Gemeinsam mit dem Pfarrer Jost Winter erläuterte Sutel in 28 gedruckten Artikeln die Grundlagen des evangelischen Glaubens. Die öffentliche Auseinandersetzung über diese Thesen war so heftig, dass Winter und Sutel eine Zeit lang um ihr Leben fürchten mussten und nachts sogar durch Wachen beschützt wurden. 


Verbreitung reformatorischer Ideen – mit Worten wirken

Dennoch wuchs Sutels Ansehen ständig. Mit Predigten und Schriften war er maßgeblich daran beteiligt, die reformatorischen Ideen in Göttingen zu verbreiten und zu festigen. Zu seinem im Jahr 1539 gedruckten Büchlein Das Evangelium von der grausamen, erschrecklichen Zerstörung Jerusalems verfasste Martin Luther eine Vorrede. Im Jahr 1535 wurde Sutel als Superintendent mit der Aufsicht über die städtischen Kirchen und Schulen betraut, und 1537 übernahm er das Pfarramt an der Göttinger St. Johannis-Kirche. 

Historia von Lazaro 1542 | Das Evangelion von der grausamen, Erschrecklichen Zerstörung Jerusalem 1539 | Kirchenordnung Schweinfurt 1543

Links: Historia von Lazaro, 1542 | Foto: Bayerische Staatsbibliothek München, 4 Hom. 2151, urn:nbn:de:bvb:12-bsb10161812-5

Mitte: Das Evangelion von der grausamen, Erschrecklichen Zerstörung Jerusalem, 1539 | Foto: Bayerische Staatsbibliothek München, 4 Hom. 2150, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00022450-1

Rechts: Kirchenordnung der Stadt Schweinfurt 1543: Kirchenordnung Eines Erbarn Raths des heiligen Reichs Stat Schweinfurt, in Francken | Foto: Staatsbibliothek zu Berlin, 
Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Dr 17350

 

Reformarbeit in Schweinfurt – zwischen Predigt und Pest

In Göttingen war Johann Sutel zwar anerkannt, aber keineswegs unumstritten. Vermittelt durch Landgraf Philipp, den Johannes Lening auf Querelen um Sutels Person in Göttingen aufmerksam machte, folgte Sutel im Jahr 1542 einem Ruf in die freie Reichsstadt Schweinfurt. Auch in Schweinfurt musste er sich gegen die etablierte Priesterschaft durchsetzen, konnte sich aber der Unterstützung durch den Rat und die Bürgerschaft sicher sein.

Sutel arbeitete noch nicht einmal ein Jahr an seiner neuen Wirkungsstätte, als dort die Pest ausbrach. Seine Gemeinde tröstete er mit Predigten über Lazarus. Philipp Melanchthon lobte diese zwölf Predigten wegen ihrer einfachen und natürlichen Ausdrucksweise und sorgte dafür, dass sie als Historia von Lazaro in Wittenberg gedruckt wurden. Genauso intensiv arbeitete Johann Sutel in Schweinfurt an der Neuordnung der Kirche. Im Jahr 1543 erschien seine Kirchenordnung eines ehrbaren Raths der heiligen Reichsstadt Schweinfurt in Franken, die in den Folgejahren maßgebend für die Schweinfurter Geistlichkeit war. 


Flucht und familiäre Umbrüche – der Preis der Überzeugung

Der Schmalkaldische Krieg zwischen Kaiser Karl V. und den protestantischen Landesfürsten und Städten veränderte die Machtverhältnisse in Schweinfurt. Die freie Reichsstadt löste sich auf Drängen des Kaisers von den Verbindungen zur Landgrafschaft Hessen. Johann Sutel als Parteigänger Philipps musste mit Verfolgung rechnen. Er ließ sich einen Reisepass nach Göttingen ausstellen und traf dort am 8. Januar 1547 als Flüchtling ohne seine Familie ein. Sutels Hoffnung, in Göttingen sofort wieder eingestellt werden zu können, erfüllte sich nicht. Es war zunächst keine Pfarrstelle frei.

Sein guter Ruf und seine Freundschaften zu engen Vertrauten von Landgraf Philipp ermöglichten jedoch, dass er im April 1547 vorübergehend eine Pfarrstelle in Allendorf an der Werra antreten konnte. Hier erhielt er die Nachricht aus Schweinfurt, dass seine Frau Gude bei der Geburt des siebzehnten Kindes verstorben war. Sutel ließ die Kinder nach Allendorf nachkommen. Noch im Todesjahr seiner Frau heiratete er Eva Bartholomes, die Tochter des Rentmeisters im benachbarten Sooden und ehemaligen Vogts im Kloster Breitenau bei Guxhagen. 


Rückkehr nach Göttingen – ein Reformator zwischen den Fronten

Im Sommer 1548 verließ Sutel Allendorf, um die auf Drängen des Rates der Stadt Göttingen frei gewordene Pfarrstelle an der Albanikirche anzunehmen. In Göttingen geriet er in heftige Machtkämpfe. Zum einen trugen ihm der Superintendent und Teile der Pfarrerschaft nach, dass er einen Amtsbruder verdrängt hatte. Zum anderen wurde die Stadt durch Kaiser und Landesherrn genötigt, weite Teile der alten Lehre wiederherzustellen. Sutel konnte sich des Rückhalts von Teilen des Stadtrates sicher sein und versuchte zu vermitteln. Doch sein Ansehen in Göttingen litt zusehends. Einer seiner Amtsbrüder griff ihn von der Kanzel aus an, weil er einen Selbstmörder christlich beerdigt hatte. Obwohl ihm 1550 wieder die Stelle des Superintendenten übertragen worden war, kehrte er der Stadt 1555 endgültig den Rücken und folgte einem Ruf nach Northeim. 


Letzte Lebensjahre in Northeim – ein stilles Ende

Mittlerweile war auch seine zweite Frau verstorben. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor. In Northeim heiratete Sutel die Witwe Gertrud Schleifer. Nach zwei Jahrzehnten als Prediger und Seelsorger in Northeim starb er 1575. Sutel wurde in seiner Sankt-Sixti-Kirche vor dem Altar begraben. Johann Sutels Sohn Justus wurde später in Northeim Bürgermeister. Nachfahren Sutels in seiner nordhessischen Heimat sind nicht bekannt. 


Johann Sutel – der unbeugsame Kämpfer

Johann Sutel war ein streitbarer Lehrer, mutiger Prediger und unermüdlicher Reformator. Dieses Jubiläum ist auch seine Geschichte. Hatte er doch wesentlichen Einfluss auf die Verbreitung der protestantischen Lehre in Göttingen und Schweinfurt.

„Gut zu wissen“
Im Kloster Haydau in Morschen können Sie im Nordflügel des Kreuzgangs eine Ausstellung zu Johann Sutel besuchen. Gezeigt werden auch Kopien handschriftlicher Briefe Luthers und Melanchthons an Sutel, die das Stadtarchiv Schweinfurt dem Arbeitskreis Ortsgeschichte Morschen überlassen hat. 

Portrait Otto Wohlgemuth

Über den Autor: Otto Wohlgemuth ist Gründer und ehemaliger Sprecher des Arbeitskreises Ortsgeschichte Morschen.

Bildlegenden

Kloster Haydau in Morschen (Frontansicht) | Foto: Bodo Kubrak
Kloster Haydau in Morschen (Luftbild) | Foto: Andreas Neumann

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