Gedenktafel zur Homberger Synode am Westportal der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)

Beate Hofmann

Von der
Beharrlichkeit
neuer Ideen

Ein Lehrstück in Veränderung

Warum feiern wir als evangelische Kirche 500 Jahre Homberger Synode? Warum erinnern wir uns an eine Zusammenkunft, deren Ergebnisse zunächst nicht umgesetzt wurden?

Genauer betrachtet ist die Homberger Synode ein Lehrstück darüber, wie sich Kirche verändert. 

Nur fünf Jahre, nachdem Luthers Gedanken und seine Schriften von 1521 dank neuer Medien (Buchdruck, Flugblätter) eine breitere Bevölkerung erreichten, und nur kurze Zeit, nachdem Landgraf Philipp selbst Anhänger der Reformation geworden war, tat der Landgraf etwas sehr Ungewöhnliches: Er lud nicht nur Adlige, Vertreter der Städte und leitende Geistliche seines Territoriums ein, also die politisch Verantwortlichen, sondern auch weitere Kirchenvertreter wie Priester und Mönche (vermutlich alles Männer, leider). 

Er holte sie zusammen, um miteinander zu diskutieren, was da an neuen Ideen in der Luft lag und welche Konsequenzen diese Ideen für Kirche und Gesellschaft haben sollten. Er sicherte „ein freundliches und christliches Gespräch“ und freies Geleit zu und garantierte damit: „Du kannst hier frei reden und sagen, was du denkst, ohne dir um dein Leben und dein Wohlergehen Sorgen zu machen.“  

„Niemand entscheidet allein, sondern Leitung wird gemeinsam wahrgenommen.“

Reformationsfenster von 1893 in der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)

Der Landgraf entschied also nicht allein, ob die neuen Ideen Sinn machen, sondern er tat das zusammen mit den Verantwortungsträgern seiner Zeit in seiner Region. Er ermöglichte Beteiligung, um miteinander auszuloten: Können wir uns auf neue Glaubensformen einlassen? Welche organisationalen Konsequenzen könnte das haben? Wie leben wir das, was wir da glauben?

Philipp begründete damit ein Prinzip, das in der evangelischen Kirche bis heute gilt: Niemand entscheidet allein, sondern Leitung wird gemeinsam wahrgenommen.

Wir diskutieren verschiedene Optionen und handeln miteinander aus, was wir für die beste Lösung halten. Wir tun das in einer Mischung verschiedener Professionen und Perspektiven.

Die Vorbereitung der Homberger Synode im Herbst 1526 übertrug Philipp seinem versierten Kanzler Johann Feige und einem französischen Theologen, Franz Lambert von Avignon, der erst seit wenigen Jahren in Deutschland lebte und in Hessen unbekannt war.

Durch die Person Lambert wurde die hessische Reformation mit der europäischen Reformationsbewegung verbunden und strahlte in mehrere europäische Länder aus. So brachte Philipp die, die sich mit der Tradition und den örtlichen Gegebenheiten auskannten, zusammen mit denen, die neue Ideen mitbrachten. 

„Es waren Schritte ins Unbekannte, die die Menschen in Homberg damals gegangen sind.“

Statue ’Philipp der Großmütige Landgraf von Hessen‘ in Homberg (Efze)

Das Vorgehen des Landgrafs zeigt: Wenn eine Situation komplex ist und wenn alte Bewältigungsmuster nicht mehr passen, dann braucht es Orte der Diskussion und Verknüpfung von möglichst verschiedenen Menschen, um Neues zu schaffen. Es waren Schritte ins Unbekannte, die die Menschen in Homberg damals gegangen sind.

Ich weiß nicht, mit welchen Erwartungen und Hoffnungen die Menschen vor 500 Jahren nach Homberg gekommen sind, ob sie Angst um Vertrautes oder Begeisterung für etwas Neues getrieben hat. Aber sie sind gekommen, weil sie das Gefühl hatten: Hier kannst du nicht fehlen; hier geschieht etwas Wichtiges. Und vielleicht war den Teilnehmern auch klar: Es verändert sich etwas und daher braucht es neue Antworten für die Herausforderungen der Zeit.

Auch 500 Jahre später stehen wir als Kirche wie als Gesellschaft in einer Zeit der Transformation. Vieles, was wir für sicher hielten, wird angezweifelt: Frieden, Demokratie, Menschenrechte und Völkerrecht werden von Machthabern und manchen extremistischen Parteien infrage gestellt.

Auch als Kirche spüren wir: Bisherige Angebote und Strukturen tragen nicht mehr, wir müssen uns verändern, ohne genau zu wissen, wohin der Weg führt. Auch wir gehen Schritte ins Ungewisse und suchen neue Wege, unser Kirchesein zu gestalten.

Der Landgraf konnte diese Schritte gehen, weil der Reichstag in Speyer 1526 beschlossen hatte, dass die Landesherren über die Reformation in ihrem Bereich entscheiden können. Philipp nutzte also den politischen Gestaltungsraum, der sich ihm öffnet, und handelt.  

„Auch Ideen, die noch nicht in der Breite angenommen werden können, setzen trotzdem Veränderung in Gang.“

Doch die Kirchenordnung, die aus der Homberger Synode hervorgegangen ist, wurde von Martin Luther sehr kritisch beurteilt. Er bezeichnete die Kirchenordnung als einen „Haufen Gesetze mit so mächtigen Worten“ und lehnte sie wegen ihres Umfangs und ihrer Radikalität als strukturelle Überforderung ab. Stattdessen forderte er: „Darum ist dieses Maß zu halten: kurz und gut, wenig und wohl, nicht zu hastig und stetig fort.“ Luther war noch unsicher, welche Konsequenzen seine Lehre für die Kirche haben sollte, und wollte keine politischen Unruhen. Die konkrete Utopie der Homberger Kirchenordnung konnte ihn noch nicht überzeugen. Er wollte den Gemeinden und Verantwortlichen Zeit geben, damit sich evangeliumsgemäße Gemeindeformen entwickeln konnten. Sie zu erzwingen, empfand er als „gesetzlich“.  

Doch was dann passiert, ist mir als Bischöfin einer Kirche in Veränderung ein großer Trost: Die Ideen waren in der Welt, sie entwickelten eine Dynamik, die auch der Reformator nicht stoppen konnte. Das zeigt: Auch Ideen, die noch nicht in der Breite angenommen werden können, setzen trotzdem Veränderung in Gang.

Landgraf Philipp ließ sich jedenfalls von der Ablehnung nicht beirren. Er nahm wichtige Ideen der Kirchenordnung auf: Bildung und Diakonie. Er gründete 1527 die Universität in Marburg, baute Schulen für Jungen wie für Mädchen und sorgte so dafür, dass Menschen die Grundlagen des reformatorischen Glaubens teilen konnten: Dazu mussten sie lesen, schreiben und die Heilige Schrift diskutieren können. Und er sorgte dafür, dass die Ideen weitergedacht und weitergegeben werden konnten.  

Aus den Klöstern Merxhausen, Haina und Gronau (bei Lorch) sowie aus der Pfarrei Hofheim (heute Riedstadt-Goddelau) machte Philipp Hospitäler für die Armen- und Krankenfürsorge. Diese „Hohen Hospitäler“ dienten der dauerhaften Versorgung physisch wie psychisch kranker sowie behinderter Menschen. Mit ihrer Größe (bis zu 500 Plätzen), ihrem breiten Einzugsgebiet in ländlichen Regionen, ihrer Komplexität und ihrer zentralen Verwaltung stellten sie in Deutschland eine zukunftsweisende Form von Krankenhäusern dar.  

„Einrichtungen für Bildung und Diakonie wurden damit zu reformatorischen Keimzellen, zu Orten, die den neuen Geist ausstrahlen und Menschen anlocken konnten.“

Westportal der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze)

All das konnte der Landesherr tun, dafür brauchte er keine Zustimmung von anderen. Das heißt, Philipp fand Ansatzpunkte für Veränderung und nutzte sie, um Raum zu schaffen, damit das Neue wachsen konnte.  

Einrichtungen für Bildung und Diakonie wurden damit zu reformatorischen Keimzellen, zu Orten, die den neuen Geist ausstrahlen und Menschen anlocken konnten. Finanziert wurde all das mit dem Geld und dem Land, das durch die Auflösung der Klöster zur Verfügung stand. Damit wurde eine bisherige Form geistlichen Lebens radikal abgeschafft, um Neues zu ermöglichen. Diese Schritte waren für viele Menschen schmerzhaft und in den Folgen weitreichend.  

Erst ein Jahrzehnt später wurden die gemeindlichen Ansätze der Homberger Kirchenordnung tatsächlich umgesetzt. Manche Ideen brauchen eine Weile, bis sie sich durchsetzen.

Das, was da mitten in Hessen 1526 angefangen hat, ließ sich nicht aufhalten. Aber es brauchte einige Zeit, bis der Sauerteig der neuen Ideen die Kirche durchsäuert hatte und genug Menschen bereit für den Wandel waren. 

„Vieles, worüber sich evangelische und katholische Christen jahrhundertelang gestritten haben, trennt uns heute nicht mehr.“

Die Homberger Synode gilt als Geburtsstunde der evangelischen Kirche in Hessen. Sie war damit auch die Manifestation einer anderen Idee von Kirchenleitung, die durch die Reformation entstanden ist. Heute, 500 Jahre später, gewinnt die Synodalität auch in der katholischen Kirche Gestalt. Und vieles, worüber sich evangelische und katholische Christen jahrhundertelang gestritten haben, trennt uns heute nicht mehr. Gemeinsam blicken wir auf 500 Jahre unterschiedlicher, manchmal auch schmerzhafter Wege zurück. Wir wollen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und gemeinsam in die Zukunft gehen.  

Heute braucht es unser klares christliches Zeugnis: die Botschaft von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt. Und es braucht eine Kirche, die wie vor 500 Jahren in Homberg Menschen beteiligt an der Suche nach neuen Wegen im Umgang mit den Fragen der Zeit.  Dann werden wir weiterhin eine Kirche sein, die ermutigt, sich auf Gottes gute Botschaft einzulassen und in diesem Geist miteinander zu leben.

Portrait Beate Hofmann

Über die Autorin: Beate Hofmann ist Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Zuvor war sie Professorin für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. 

Bildlegenden

Gedenktafel zur Homberger Synode am Westportal der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) | Foto: kramarek designagentur/Kerstin Kramarek

Reformationsfenster von 1893 in der Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) | Foto: Medienhaus Homberg/Mike Luthardt

Statue‚ Philipp der Großmütige Landgraf von Hessen‘ in Homberg (Efze) | Foto: kramarek designagentur/Kerstin Kramarek

Westportal der  Stadtkirche St. Marien in Homberg (Efze) | Foto: Medienhaus Homberg/Mike Luthardt

Portrait Beate Hofmann | Foto: medio.tv/Christian Schauderna
 

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