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Martin Streck und Stefan Wick 

500 Jahre Homberger Synode – ökumenisch gesehen

Ein Grund zum Feiern?

Ein evangelisches Jubiläum und ein katholisches Gedenken. Ein Moment der Spaltung und ein Zeichen der Einheit. Was damals als mutiger Aufbruch begann, war zugleich der Beginn eines langen Weges der Trennung. Für die Reformation in Hessen war die Homberger Synode ein entscheidender Schritt. Die römische Kirche erlebte sie damals als Verlust. Wie sieht es heute aus, im Zeitalter der Ökumene?

Ein Gespräch zwischen Dr. Martin Streck und Dr. Stefan Wick

Portrait Dr. Martin Streck

Dr. Martin Streck ist Gemeindepfarrer in Maintal-Dörnigheim und Catholica-Referent im Landeskirchenamt der EKKW. 

Portrait Dr. Stefan Wick

Dr. Stefan Wick ist Diakon und Diözesanbeauftragter für Ökumene im Bistum Fulda. 

Martin Streck: Die EKKW, die Stadt Homberg und die ganze Region feiern 500 Jahre Homberger Synode. Mit dieser Versammlung begann die Reformation in der Landgrafschaft Hessen. Stefan, du bist katholischer Christ und Theologe, kannst du das feiern, 500 Jahre Kirchenspaltung?

Stefan Wick: Gerne stimmen wir in ein Gedenken mit ein. Die Kirche muss sich immer wieder erneuern, um ihrem Auftrag gerecht zu werden, das Evangelium zu verkünden. Über den Bemühungen des frühen 16. Jahrhunderts ist die Einheit der Kirche als Leib Christi leider zerbrochen – das müssen wir ehrlich bekennen. Daher nehmen wir katholische Mitchristen an dem Jubiläum herzlich gerne Anteil, feiern können wir es jedoch nicht!

„Die Evangelischen haben Synoden nicht erfunden.“

Martin Streck: Ja, in vielen Gemeinden wurde damals schon evangelisch gepredigt. Die reformatorische Bewegung tastete sich voran. Landgraf Philipp von Hessen nahm die Unruhe wahr. Er ergriff die Initiative, berief die Synode nach Homberg ein und beauftragte Theologen mit Stellungnahmen. Er leitete die Beratungen durch seine Beamten. Dabei steht Philipp ja für die Staatsmacht, für die Politik, würden wir heute sagen.

Stefan Wick: Im ersten Jahrtausend der Kirchengeschichte waren Synoden Versammlungen der Bischöfe – so ist es bis heute noch bei den orthodoxen und katholischen Christen. Leider war im Spätmittelalter der eigentliche Kernauftrag des Dienstes der Apostelnachfolge ‚verblasst‘ – an die Stelle traten die Fürsten und die Pfarrer, vereinfacht gesagt. Es wird erst im 20. Jahrhundert Neuaufbrüche geben: für ein evangelisches Bischofsamt und eine Erweiterung des Grundgedankens dessen, was Synodalität meint!

Martin Streck: Synoden sind in der evangelischen Kirche wichtig. Vom Kirchenvorstand in den Gemeinden bis hin zur Landes- oder der EKD-Synode. Aber die Evangelischen haben Synoden nicht erfunden. Gremien, um gemeinsam zu beraten und zu entscheiden, kennt schon die Kirche in der Antike. 2025 feierten wir das erste Ökumenische Konzil von Nizäa, das vor 1700 Jahren zusammentrat. Allerdings waren da nur Bischöfe dabei und der römische Kaiser. Sie kamen aus dem ganzen Römischen Reich. Kaum einer kannte den anderen.

Stefan Wick: Der im vergangenen Jahr verstorbene Papst Franziskus hat die Synodalität stark gemacht, jedoch als geistlichen Prozess: „Hören, unterscheiden und entscheiden“. Sicher ist Partizipation ein wichtiges Anliegen, doch man muss unterscheiden, um welche Frageebene es sich handelt – die Verantwortung für das Leben aus dem Glauben, das jede und jeder hat: wie kann es vertieft werden, dass es ausstrahlt auf andere; den Umgang mit Geldmitteln und der Auftrag der Kirche nach außen, wie er in den unterschiedlichen Gremien bestimmt wird. Mit Blick auf die Glaubenslehre gibt für uns Katholiken das Kollegium der Bischöfe mit dem Papst den Ausschlag.

„Reformen dienen der Klarheit.“

Martin Streck: Ausgehend von der Homberger Synode wurde eine Kirchenordnung aufgestellt. Umgesetzt wurde sie aber nicht. Der Reformator Martin Luther hat sie ausgebremst. Er warnte davor, den Menschen mit dieser Ordnung ein Gesetz aufzu-
legen, sie zu zwingen. Er riet, mit der Predigt anzufangen. Die Menschen sollten für das Evangelium, Gottes gute Botschaft gewonnen werden. Wenn das bei ihnen Wurzel gefasst hat, würden sie viel stärker mittun bei den Reformen.

Stefan Wick: Reformen dienen der immer größeren Klarheit der Sendung derer, die in der Gemeinschaft der Kirche als Getaufte leben. Alle Bemühungen müssen darauf abzielen, dass das Zeugnis der Kirche nicht verdunkelt wird, auch wenn wir hinter 
dem Anspruch oftmals zurückbleiben.

„Viel zu lange haben die Kirchen sich gegenseitig bekämpft.“

Martin Streck: Christen haben eine Sendung. Hin zu den Nächsten. Die Menschen vor Ort, die Nachbarn, ihr eigenes Leben verändern sich. Gemeinden und Pfarreien müssen immer neu sensibel werden für den Sozialraum, in dem sie leben. Sonst können sie mit dem, was sie tun und sagen, den Menschen die Liebe Gottes nur schlecht bezeugen. Vor 500 Jahren gab es keinen Sozialstaat. Es hing von den Menschen ab. Waren sie motiviert, zu helfen, wenn ein Mensch in Not geriet? Glaube lebt in Diakonie. In der Reformation wurde die Armenfürsorge organisiert.

Stefan Wick: Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt die Kirche als „Zeichen und Werkzeug der Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen gentium 1 aus dem Jahr 1964). Das heißt: Unser Weg mit Gott und zu Gott hin, den wir in seiner tröstenden und befreienden, vor allem hoffnungsstiftenden Dimension schon ‚hier und jetzt‘ in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern gehen, er wird auf die ganze Welt ausstrahlen, in ihr erfahrbar werden – für andere.

Martin Streck: Die Kirche ist ein Zeichen. Stimmt. Aber ich würde von den Kirchen im Plural reden: In ihrer Vielfalt verweisen die Kirchen auf die Einheit, die der Welt in Christus geschenkt ist. Viel zu lange haben die Kirchen sich gegenseitig bekämpft, sich gegenseitig verletzt. Damit haben sie das Zeugnis von Christus verdunkelt. Ihre Aufgabe ist es doch, Gottes Liebe in die Welt zu tragen. Jesus hat doch selbst darum gebetet, dass sie alle eins sind (Johannesevangelium 17, 20).

Stefan Wick: Das 20. Jahrhundert war ein ‚Aufeinander zugehen‘ und ‚wachsendes Miteinander‘ für die Kirchen. Heute ist Ökumene eine Selbstverständlichkeit, auch wenn noch viele Aufgaben vor uns liegen. Wir sind in Jesus Christus verbunden und 
gehen gemeinsam weiter!
 

„Eine gemeinsame Stimme in gesellschaftlichen Diskursen.“

Martin Streck: Mir fällt das Städtchen Neukirchen am Knüll ein. Die Christen der katholischen Pfarrei mussten ihr Kirchengebäude aufgeben. Jetzt feiern sie die Messe in der historischen Stadtkirche. Die evangelische Kirchengemeinde hat sie dort als Geschwister aufgenommen. Da stehen jetzt die Gesangbücher von zwei verschiedenen Kirchen nebeneinander.

Stefan Wick: Im Jahr 2024 haben Bistum und EKKW eine Vereinbarung über ihre ökumenische Zusammenarbeit unterzeichnet. Nach vielen guten Erfahrungen miteinander verpflichten sich die beiden Kirchen darin zu weiteren Schritten. Neben allen 
Notwendigkeiten ist auch die gemeinsame Stimme in die gesellschaftlichen Diskurse hinein von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Martin Streck: Unsere Kirchen haben miteinander schon viele gute Erfahrungen gemacht: Die Religionslehrer an den Schulen, die Seelsorgerinnen in den Kliniken arbeiten ökumenisch zusammen. Die Kirchenleitungen treffen sich regelmäßig zu Gesprächen. Wir fühlen uns beschenkt durch die anderen. Wir wollen nicht mehr ohne euch Kirche sein!

Bildlegende

Fotos: medio.tv/Christian Schauderna

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Begegnen. Gestalten. Erneuern.

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