
Hans-Joachim Simm
Erinnerung ist Zukunft
Warum unsere Gedenkkultur wach bleiben muss
Was bleibt, wenn wir vergessen? Erinnerung ist kein Luxus der Vergangenheit – sie ist Fundament der Zukunft. In Zeiten wachsender Unsicherheit und digitaler Reizüberflutung droht das Gedächtnis unserer Gesellschaft zu erodieren. Doch ohne die Stimmen derer, die vor uns waren, verlieren wir nicht nur die Geschichte – wir verlieren uns selbst. Warum Gedenkkultur mehr ist als Rückschau, warum sie Identität stiftet und Zukunft gestaltet, zeigt dieser Beitrag: ein Plädoyer für das Erinnern – persönlich, politisch, regional.
„Ohne Erinnerung gibt es keine Kultur. Ohne Erinnerung gäbe es keine Zivilisation, keine Gesellschaft, keine Zukunft.“ Mit diesen Worten benannte der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel wesentliche Aspekte des Themas Erinnerung. Immer wieder hat er gegen das Vergessen angeschrieben; 1986 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Erinnerung und Gedenken sind überlebenswichtig. Sie stärken den Einzelnen und die Gesellschaft. Nationale und regionale Gedenktage tragen zur Gemeinschaft, zu Verständnis und Toleranz bei.

Der Kampf gegen das Vergessen
Jährlich wiederkehrende nationale Gedenktage halten Erinnerungen wach, die ein Land prägen: Der 27. Januar und der 24. April erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Befreiung. Der 20. Juli gilt dem Gedenken an den Widerstand gegen die Diktatur. Am 3. Oktober wird der Tag der deutschen Einheit begangen. Ein für Deutschland besonders bedeutendes Datum ist der 9. November, er erinnert an die Ausrufung der ersten deutschen Republik 1918, an den gescheiterten Hitlerputsch 1923, an die Reichspogromnacht 1938 und an den Fall der Berliner Mauer 1989. Am 13. Februar jedes Jahres wird an die Bombardierung Dresdens 1945 erinnert. Im November gemahnt der Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewalt.
Gedenkjahre mit Signalwirkung
Das Jahr 2025 war ein besonderes Jahr des Gedenkens: Vor fünfhundert Jahren tobten die Bauernkriege in deutschen Territorien. Am 8. Mai jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum achtzigsten Mal – ein Tag, der nicht nur mit einem Gefühl der Freude begangen wurde, sondern auch mit Beklommenheit darüber, dass schon wieder ein Krieg auf europäischem Boden herrscht. Im September 1945 wurde in der Amerikanischen Besatzungszone das Land Hessen gegründet.
Auch das Jahr 2026 erinnert an bedeutsame Ereignisse: Vor zweihundertfünfzig Jahren wurde die Unabhängigkeitserklärung der USA unterzeichnet, vor fünfundsiebzig Jahren die Montanunion als Vorläuferin der Europäischen Union gegründet. Vor siebzig Jahren erhob sich das ungarische Volk gegen die kommunistische Regierung und die sowjetische Besatzungsmacht. Vor vierzig Jahren kam es zur Katastrophe von Tschernobyl. Am 11. September vor fünfundzwanzig Jahren wurden die verheerendsten Terroranschläge in den USA verübt.
Erinnern heißt nicht nur gedenken – es heißt auch verstehen, bewahren und handeln. In einer Zeit, in der historisches Wissen zunehmend in Frage gestellt wird, wird Erinnerungskultur zur demokratischen Aufgabe.
Wie Erinnerung Identität stiftet
Erinnerung ist allgegenwärtig, ob wir uns erinnern wollen oder nicht. Sie gibt dem Menschen Identität, formt seinen Charakter, indem vergangene Erfahrungen sinngebend auf gegenwärtige Lebensverhältnisse einwirken. Jedoch ist das Gedächtnis kein statischer Speicher; Erinnerungen sind nicht unveränderlich, sie sind abhängig von vielen persönlichen und äußeren Faktoren. Vor rund einhundert Jahren fragte der französische Soziologe Maurice Halbwachs, auf welche Weise und in welchem Umfang gesellschaftliche Strukturen, Vorurteile, Ideologien, Religionen und nationale Interessen gemeinsame Erinnerungen bewirken. Sie nannte er kollektives Gedächtnis. In ihm bewahre eine Familie, eine Gruppe, eine Gesellschaft oder eine Nation vor allem solche Erfahrungen auf, die zu ihrer Stabilität beitragen.
Jener Teil des kollektiven Gedächtnisses, der aus meist mündlich überlieferten Erinnerungen einer Familie, aus Erinnerungen an die unmittelbaren Vorfahren oder aus der Erinnerung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen besteht, wird als kommunikatives Gedächtnis bezeichnet. Es reicht etwa zwei bis drei Generationen, rund achtzig bis einhundert Jahre, zurück.
Demgegenüber bewahrt der andere Teil des kollektiven Gedächtnisses, das kulturelle Gedächtnis, Wissen über große Zeiträume, meist durch schriftliche Quellen vermittelt. Es umfasst Kunst, Musik, Literatur, Religion, Historie und vieles mehr und reicht weit über das Generationenwissen hinaus in die allgemeine Geschichte hinein.
Zeichen setzen – Erinnern gestalten
Das kulturelle Gedächtnis schafft eine Gemeinschaft stiftende Erinnerungskultur, die sich auf vielerlei Weise und in vielen Formen manifestiert – in zentralen Gedenktagen und in Gedenkstätten, in Gebäuden und Monumenten, in Straßennamen, Orden und Auszeichnungen. Jüngste Beispiele für eine dezentrale Erinnerungskultur sind in zahlreichen Städten und Gemeinden die sogenannten Stolpersteine, die an jene erinnern, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Kollektive Erinnerung zeigte sich im 19. und im frühen 20. Jahrhundert vornehmlich in repräsentativen nationalen Gedenkveranstaltungen zu politischen, militärischen und religiösen Ereignissen, zu den Befreiungskriegen und der Völkerschlacht, zur Reformation, zum Wartburgfest, zu Schillers 100. Geburtstag oder zum Sedantag im deutsch-französischen Krieg. Die Nationalsozialisten versuchten, diese Reihe fortzusetzen und die Gedenktage noch stärker zu instrumentalisieren.
Gegen solcherart herrschaftliches Gedenken hatte der Philosoph Walter Benjamin bereits in den 1920er Jahren einen Neuansatz entworfen. Erinnerung, so Benjamin, habe die verlorenen Stimmen der Vergangenheit zum Sprechen zu bringen. Die traditionelle Geschichtsschreibung habe sich nur um die Täter gekümmert. Es sei indes nötig, sich der Namenlosen, der Opfer der Geschichte zu erinnern. Damit kann Erinnerung auch zu einem Element des Widerstandes gegen Unrecht werden.
Am 8. Mai 1985 hatte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zur kollektiven Erinnerung aufgerufen, mit seiner Rede zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung vom Nationalsozialismus. Das Wort von der „Befreiung“ – das in der DDR bereits galt, während in Westdeutschland nicht wenige noch von „Kapitulation“ sprachen – stellt einen Meilenstein in der Geschichte der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur dar. Weizsäckers Mahnung ist heute leider wieder aktuell: „Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit. Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“
Ob Stolperstein oder Synode: Kollektives Gedächtnis lebt von Zeichen. Warum regionale Gedenkanlässe wie die Homberger Synode 2026 mehr sind als lokale Geschichte – sie sind Gegenwart mit Haltung.
Die Gefahr des Vergessens
Seit Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts rückten Familiengeschichten in den Mittelpunkt der Erinnerungserzählungen. Die Beschäftigung mit der unmittelbaren Vergangenheit hat im Familiengedächtnis mit wachsendem Zeitabstand nicht ab-, sondern erstaunlicherweise sogar zugenommen.
Während also das kommunikative Gedächtnis wieder an Stärke gewinnt, ist das kulturelle Gedächtnis in einem gegenläufigen Wandel begriffen: Bücher und gedruckte Medien, die es bislang wachhielten, verlieren an Einfluss; soziale Medien mit ihrem unendlichen Informationsangebot übernehmen mehr und mehr die Steuerung des kulturellen Gedächtnisses. Das führt nicht, wie man meinen könnte, zu einem gesteigerten historischen Bewusstsein, im Gegenteil: Einseitige Beeinflussung und die Überfülle an Informationen fördern nicht Erinnerung, sondern schnelles Vergessen, auch weil es oft an Kriterien für das Bewahrenswerte fehlt.
Im Zeitalter der wachsenden Globalisierung und in einer vergessensdurstigen Mediengesellschaft verändert sich Erinnerung grundlegend. Der Weg von einer Umorientierung des kulturellen Gedächtnisses zur Leugnung historischer Wahrheit ist inzwischen nicht weit. Es besteht die Gefahr, dass eine zunehmende Oberflächlichkeit sowie die immer größer werdende Abhängigkeit von Algorithmen und von der Künstlichen Intelligenz ein Menschenbild hervorbringen, das Autonomie, Eigenverantwortung und Empathie nicht mehr kennt.
Erinnerung braucht Orte des Gedenkens
Wenn das Wissen um nationale Gedenktage oder religiöse Feiertage schwindet, werden regionale Gedenkveranstaltungen umso wichtiger. Sie fordern zum Mitmachen auf, zu gemeinsamem Gestalten; sie fördern den Zusammenhalt der Bürger.
Auch in diesem Sinn spielt die Fünfhundertjahrfeier der Homberger Synode im Jahr 2026 eine herausragende Rolle in der Geschichte des Gedenkens. Zwar wurden nicht alle im Jahr 1526 gefassten Beschlüsse in die Tat umgesetzt, aber dennoch wurde die Synode mit den basisdemokratischen Zügen zum Initialereignis der hessischen Reformation, das zur Auflösung der Klöster, zu einer neuen Gemeinde- und Schulordnung und nicht zuletzt zur Gründung der Universität Marburg führte. Auch die ‚Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung‘ von 1539, mit der die Konfirmation eingeführt wurde, ist ein Ergebnis der Homberger Synode, an die zu markanten Jahrestagen immer wieder erinnert wurde.
Jubiläen, private wie öffentliche, sind stets ein Anlass zur Reflexion über Vergangenheit und Gegenwart. Der Titel „Reformation – Transformation“ der Homberger Feierlichkeiten von 2026 bringt überdies die Gewissheit zum Ausdruck, dass Erinnerung eine wesentliche Voraussetzung für Erneuerung und bewusste Gestaltung der Zukunft ist.
2014 wurde der Stadt Homberg (Efze) vom Hessischen Innenministerium der amtliche Namenszusatz Reformationsstadt verliehen; 2025 erhielt Homberg (zusammen mit Schwalmstadt) den Ehrentitel Reformationsstadt Europas. Ihr Wahrzeichen ist die Reformationskirche, die Stadtkirche St. Marien, die über dem Marktplatz weithin sichtbar in den Himmel ragt.
Erinnern ist Verantwortung
Eine lebendige Erinnerungskultur ist kein Selbstzweck – sie ist Grundvoraussetzung für eine freie und menschenwürdige Gesellschaft. Nur wer erinnert, versteht die Gegenwart in ihrer Tiefe und gestaltet Zukunft mit Haltung. Zwischen Gedenktagen und Familiengeschichten, zwischen kollektiver und kultureller Erinnerung liegt die Chance, Orientierung zu geben in einer Zeit des Umbruchs. Es liegt an uns, diese Chance zu nutzen – mutig, empathisch und bewusst.

Über den Autor: Hans-Joachim Simm, Dr. phil., geboren 1946 in Braunschweig, war bis Ende 2009 Leiter des Insel Verlags, des Verlags der Weltreligionen und der Buchreihe edition unseld. Daneben nahm er Lehraufträge an den Universitäten München, Mainz und Frankfurt am Main wahr. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zur Beziehung zwischen Literatur und Religion, zur literarischen Klassik und zur deutschen Lyrik. Er lebt in Nordhessen.
Bildlegenden
Erinnerungsstein mit Kerzen und Blumen | Foto: medio.tv/Christian Schauderna
Erinnerungssteine mit einem Herbstblatt | Foto: medio.tv/Jule Dellit


