Avignon – Geburtsstätte von François Lambert

Bendix Balke

Europa im Blick

François Lambert - Der französische Reformator Hessens

Die prägende Figur der Homberger Synode, Franz Lambert, stammte aus Südfrankreich und war erst drei Wochen zuvor nach Hessen gekommen. Wie kam es dazu, und wie eng war die hessische Reformation mit der gesamteuropäischen reformatorischen Bewegung verknüpft?

Als Wanderprediger durchquerte Lambert Europa, bevor er nach Hessen kam. Als begabter Franziskaner, der das Armutsideal zu ernst nahm, predigte er in Frankreich, Italien und der Schweiz – und stieß dabei auf Widerstand.

Vom Klosterschüler zum streitbaren Prediger

Franz Lambert (französisch François Lambert, lateinisch Franciscus Lambertus) wurde 1487 als Sohn eines Sekretärs am päpstlichen Hof in Avignon geboren. Nach dem Tod seines Vaters trat er im Alter von fünfzehn Jahren in das örtliche Franziskaner-Kloster ein. Da er dort mit seinem Einsatz für eine konsequente Orientierung am Armutsideal des heiligen Franziskus scheiterte, zog er als Wanderprediger durch Frankreich, Italien und die Schweiz. 1517 verlieh ihm der Orden den Ehrentitel Praedicator apostolicus, Apostolischer Prediger – eine Auszeichnung, die nur wenigen außerordentlich begabten franziskanischen Predigern vorbehalten war. 


Wegweisende Entscheidungen in Wittenberg

Wie viele andere Theologen in ganz Europa las Lambert sehr früh die Schriften Martin Luthers. Neugierig zog es ihn nach Zürich, wo er 1522 in einer Disputation mit Zwingli noch die katholische Position verteidigte. Die Begegnungen in der Schweiz ließen ihn jedoch am Katholizismus und an seinem Leben als Mönch zweifeln. Er beschloss, Martin Luther in Wittenberg kennenzulernen und von dort aus die Reformation zu unterstützen. Lambert legte die Mönchskutte ab, heiratete in Wittenberg die Bäckerstochter Christine und begründete 1523 seinen Austritt aus dem Orden in zwei vielgelesenen Büchern. Ein Jahr lang hielt er in Wittenberg theologische Vorlesungen zu biblischen Büchern, die er ebenfalls veröffentlichte. 

Der erste Flächenstaat wagt die Reformation: Hessen wurde zum Pionier. Mit der Homberger Synode sollte erstmals ein gesamtes Territorium evangelisch werden – ein Modell, das Schule machte.

Vergebliche Versuche, Frankreich zu reformieren

1524 versuchte er in Metz, die Stadt und das ganze Land für die reformatorische Sache zu gewinnen. Seit seiner Konversion 1522 hatte er sich zum Ziel gesetzt, der Reformator Frankreichs zu werden. Er schrieb Briefe an den Stadtrat von Grenoble und an Adlige, später auch an den französischen König, und übersetzte einige Bücher Luthers ins Französische.

1529 versuchte er in seinem kurzen Werk Somme chrestienne, Kaiser Karl V. in dessen französischer Muttersprache protestantische Grundanliegen nahezubringen. Mit seiner fordernden und zuweilen schroffen Art brachte er mit diesen Vorstößen jedoch mehr Menschen gegen sich auf, als er überzeugen konnte.

Nach nur zwei Wochen musste Lambert Frankreich wieder verlassen. Anschließend verbrachte er zwei Jahre in Straßburg, das damals zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehörte. Dort veröffentlichte er zahlreiche exegetische und systematische Werke, blieb jedoch ohne feste Anstellung. 

Europas erste evangelische Universität: Mit der Gründung der Universität Marburg 1527 schuf Philipp von Hessen einen reformatorischen Meilenstein: Lambert wurde dort zum Vordenker einer neuen protestantischen Theologie.

Landgrafenschloss in Marburg

Der Theologe hinter der Homberger Synode

Lamberts Leben nahm eine entscheidende Wendung, als er beim Speyerer Reichstag im Sommer 1526 Landgraf Philipp von Hessen traf. Philipp beauftragte Franz Lambert mit der anspruchsvollen Aufgabe, die Reformation in Hessen einzuführen. Seit die Stadt Zürich 1523 reformiert wurde, hatten zwar einige Städte einen reformatorischen Aufbruch beschlossen, aber noch nie ein Flächenstaat.

Vermutlich war es Franz Lambert, der die ungewöhnliche Form und den Ablauf der Homberger Synode vom 21. bis 23. Oktober 1526 anregte: Sein Kirchenverständnis setzte ‚von unten‘ an, bei den Gemeinden, die Vertreter in eine evangeliumsgemäße Landessynode wählen sollten. Da diese dazu noch nicht in der Lage waren, regte Lambert wohl eine ‚Notsynode‘ an: Ähnlich wie bei einem politischen Landtag wurden Adel, Städte und leitende Geistliche eingeladen, aber es wurden auch alle Geistlichen des Landes hinzugezogen.

Im Ablauf folgte die Homberger Synode einer wissenschaftlichen Disputation, die bereits in schweizerischen und deutschen Städten Reformationen ermöglicht hatte: Lambert stellte schriftlich und mündlich 158 Thesen zur Diskussion, seine Paradoxa. Wie damals in der Wissenschaft üblich, tat Lambert dies auf Latein. Da nicht alle Versammelten Latein verstanden und Lambert nicht ausreichend Deutsch sprach, übersetzte Hofprediger Adam Krafft die wichtigsten Thesen – denn auf Landtagen wurde Deutsch gesprochen.

Für die Diskussion ließ der einladende Landgraf nur biblische Argumente zu. Die Überprüfbarkeit aller theologischen Aussagen anhand der Bibel entsprach der evangelischer Grundüberzeugung und drückte die Erwartung Philipps aus, dass die Synode bzw. der Landtag in Homberg (Efze) in Hessen die Reformation einführen sollte.

Nach nur zwei Gegenreden entschied die Homberger Synode, der Landgrafschaft eine neue Kirchenordnung zu geben. Wohl unter Lamberts prägendem Einfluss entstand bis Dezember 1526 die auch als Homberger Kirchenordnung bezeichnete Reformatio ecclesiarum Hassiae. Nachdem Luther die neue Kirchenordnung massiv kritisiert hatte, setzte Philipp sie nicht um – sie erschien nicht einmal in gedruckter Form. Hessen wurde vielmehr nach Luthers Vorbild behutsam und in kleinen Schritten zu einem evangelischen Territorium. Damit hatte die Homberger Synode ihr zentrales Ziel dennoch erreicht. 


Erster Professor für Theologie an der jungen Universität Marburg

1527 gründete Philipp die Universität Marburg als protestantische Lehranstalt und berief Franz Lambert und Adam Krafft zu ihren ersten Theologieprofessoren. Da Krafft als herumreisender Visitator und Hofprediger kaum Zeit zum Unterrichten fand, lag das theologische Studium vor allem in den Händen von Franz Lambert. Er trug wesentlich zur Aus- und Fortbildung protestantischer Prediger aus dem In- und Ausland bei.

Lambert konnte diese Aufgabe bestens ausfüllen, weil die Unterrichtssprache in Marburg wie an jeder Universität Europas Latein war. Gerne hätte er stärker am Aufbau der entstehenden Landeskirche mitgewirkt, doch seine unzureichenden Deutschkenntnisse ließen dies nicht zu.

Viele seiner Vorlesungen über das Alte und Neue Testament veröffentlichte er auch weiterhin in Buchform. Doch 1530 wurde das außergewöhnliche Leben von Franz Lambert mit 43 Jahren viel zu früh durch die Pest beendet. 

Reformator und Märtyrer: Der Schotte Patrick Hamilton wurde von Lambert geprägt – und starb 1528 als erster Märtyrer der schottischen Reformation. Seine Thesen verbreiteten Lamberts Ideen weit über Deutschland hinaus. 

Ein Netzwerk europäischer Reformatoren

Vor allem in Schottland ist ein direkter Einfluss Lamberts nachweisbar: 1527 besuchten vier schottische Theologen seine Vorlesungen in Marburg. Unter ihnen war Patrick Hamilton, den er ermutigte, seine Überzeugungen in der ersten Universitätsdisputation Marburgs zu verteidigen.

Als Patrick’s Places nahmen sie großen Einfluss auf die schottische und englische Reformation. Dass Hamilton dafür 1528 hingerichtet und zum ersten Märtyrer der schottischen Reformation wurde, verlieh seinem Zeugnis Glaubwürdigkeit und erhöhte auch Lamberts Bekanntheit in Großbritannien.

In England wurden Lamberts Bücher zwischen 1525 und 1533 nach denen Luthers am häufigsten durch den Index verboten oder in Ketzerverhören als häretisch bezeichnet. Dennoch wurden einige seiner lateinischen Bücher ins Englische und auch ins Niederländische übersetzt.

Schwerer zu fassen sind die indirekten Auswirkungen Franz Lamberts über Hessen hinaus. Grundzüge der von ihm entworfenen Kirchenordnung (Betonung von Schriftprinzip und Gemeindeautonomie, synodale Kirchenstruktur und innergemeindliche Kirchenzucht) fanden sich später in Ordnungen reformierter Kirchen Europas, waren aber auch bereits vor ihm in Straßburg oder nach ihm etwa in Calvins Genf wirksam.


Vordenker im europäischen Reformprozess

Franz Lambert gehört zur ersten Generation protestantischer Theologen, die ohne Vorbilder, in gegenseitigem Austausch und mitunter in heftigen Kontroversen die Erneuerung der Kirche ermöglichten. Er hat vor allem 1526 wesentlich zur Reformation in Hessen und 1522 bis 1530 zur europäischen Vernetzung der reformatorischen Bewegung beigetragen. 

Portrait Bendix Balke

Über den Autor: Bendix Balke ist evangelischer Pfarrer, interkultureller Trainer und persönlicher Referent der Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Bildlegenden

Avignon – Geburtsstätte von François Lambert | Foto: Pixabay/Gilles Lagnel
Landgrafenschloss in Marburg | Foto: Pixabay/Holger Langmaier

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