Diakonische Arbeit

Dierk Glitzenhirn

Gegen einen hilflosen Glauben

Diakonische Arbeit in der Region, in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und darüber hinaus

Landgraf Philipp gilt als Vordenker der Diakonie. Glauben und Handeln gehörten für ihn zusammen. Mit der Gründung von Hospitälern, mit einer reformierten Armenfürsorge und mit der Errichtung von Bildungsstätten setzte er Maßstäbe. Auch heute sorgen diakonische Strukturen und persönliches Engagement dafür, dass der Glaube nicht hilflos bleibt in einer Welt, in der viele Menschen Unterstützung und Hilfe benötigen.

In der Nähe und im Alltag zeigt sich Kirche als gelebte Fürsorge – besonders in den Ortsgemeinden, die ein Netz aus Solidarität, Begleitung und Mitverantwortung knüpfen.

Kirchengemeinden sind Sorgegemeinschaften

In Kirchengemeinden wird die unmittelbare Verantwortlichkeit füreinander gelebt. Menschen wissen umeinander in Freud und Leid und stehen einander bei. Trotz aller berechtigten Bemühungen um ein offeneres Gemeindeverständnis bleibt dies die Stärke der Ortsgemeinden.

Schon seit langem übernehmen viele Kirchengemeinden z.B. mit ihren Kindertagesstätten Verantwortung für die junge Generation, und in der älter werdenden Gesellschaft verstehen sie sich mehr und mehr als Sorgegemeinschaften. Insbesondere seit 2015 unterstützen Engagierte in den Kirchengemeinden Geflüchtete dabei, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen. 

Die diakonische Landschaft reicht weit über Gemeinde-strukturen hinaus – sie bildet ein starkes, professionelles Netzwerk der Hilfe mit landesweiter Wirkung.

Diakonische Arbeit in der Region

Diakonische Einrichtungen wirken über die Gemeinden hinaus 

Die Kirchengemeinden sind umgeben von anderen Formen diakonischen Handelns. Große diakonische Trägervereine gründeten sich in der Kirche seit dem ausklingenden 19. Jahrhundert. Zu den frühen Gründungen in unserer Region gehörte 1864 das Hessische Diakonissenhaus in Treysa. Nach dem Umzug des Diakonissenhauses nach Kassel wurde die Treysaer Einrichtung selbstständig. Als „Hephata Diakonie“ macht sie mit 3.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vielfältige Angebote in ganz Hessen und feiert 2026 ihr 125jähriges Bestehen.

Wie einst bei Philipp und seinen Hospitalgründungen nahm die Gesellschaft ihre Verantwortung durch die Gründung von Vereinen wahr, aus denen sich zum Teil große Komplexeinrichtungen entwickelten. Mit fachlichem Wissen und Professionalität versorgen sie beeinträchtigte Menschen und Menschen in schwierigen Lebenslagen. Lokale, regionale und überregionale Träger betreiben Einrichtungen der Jugend-, Alten- und Eingliederungshilfe sowie Krankenhäuser und sorgen für Wohnmöglichkeiten gesellschaftlich benachteiligter Menschen. Sie bilden viele Menschen aus und fort und bieten Arbeitsplätze in ländlichen Regionen.

Diakonische Träger sowie Kirchenkreise (und Dekanate in der EKHN) sind in der Diakonie Hessen als Mitglieder- und Wohlfahrtsverband miteinander verbunden. Mit ihrer Expertise tritt sie landeskirchenübergreifend in der EKKW und der EKHN für die verschiedenen diakonischen Träger mit insgesamt 45.000 Beschäftigten und 45.000 ehrenamtlich Tätigen ein. Eingebunden in die Strukturen der Diakonie Deutschland wird so eine anwaltschaftliche Lobby-Arbeit für Benachteiligte in der Gesellschaft betrieben und rechtssicher ausgeübt. 

Was heute hilft, hat Ordnung: Diakonisches Handeln gründet in Gesetzen, Kooperationen und stetiger Weiterentwicklung kirchlicher Verantwortung.

Diakonische Arbeit in der Region

Diakonisches Handeln hat eine rechtliche Grundlage

In der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) regelt bereits seit den 1980er Jahren ein stetig aktualisiertes Diakoniegesetz die Handlungsaufträge für die Kirche und beschreibt die Optionen für die Kirchengemeinden und Kirchenkreise. Im Schwalm-Eder-Kreis führte das Gesetz 1991 zur Gründung eines Zweckverbandes für die diakonische Arbeit in den damaligen Kirchenkreisen Fritzlar, Homberg, Melsungen und Ziegenhain mit einer gemeinsamen Diakoniepfarrstelle.

Mit der fachlichen Arbeit im Bereich „Kirchliche allgemeine Sozial- und Lebensberatung (KASL)“ wurde begonnen. Es folgten „Flüchtlings- und Asylberatung“ sowie „Wohnungsnotfallberatung mit Tagesaufenthalt“. Die Arbeitsbereiche „Wohnungsnotfallhilfe“, „Migrationsberatung für Zugewanderte“, „Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung“ und „Familiengesundheit/Müttergenesung“ kamen hinzu.

Im Jahr 2005 nahmen vier Tafeln ihre Arbeit auf, 2010 wurden sie eingebunden in eine regionale Teilhabearbeit und ein umfassendes Engagement gegen Armut. 2011 wurde das „Trauer- und Hospiznetzwerk“ gegründet und 2015 gingen die Hospizgruppen Frielendorf, Neukirchen und Treysa eine Kooperation mit dem Kirchenkreis ein. 2019 kam die Hospizgruppe Fritzlar dazu. Mit der 2020 erfolgten Zusammenlegung der Kirchenkreise zum Kirchenkreis Schwalm-Eder wurden die diakonischen Aktivitäten noch einmal gebündelt. Aktuell wird die Begleitung von Freiwilligen verstärkt. Wer sich engagieren möchte, soll wahrgenommen werden und seine Ideen umsetzen können.

Im Jahr 2026 wird in der EKKW ein neues Diakoniegesetz erarbeitet, das den Zusammenhang von Glauben und Handeln neu beschreibt und die kirchlichen Strukturen festlegt, in denen gemeinsam Verantwortung getragen werden kann.

Wer helfen will, braucht Halt – diakonisches Engagement lebt von Menschen mit Ideen, aber auch von verlässlichen Strukturen, die dieses Engagement tragen.

Persönliches diakonisches Engagement braucht Richtung und Struktur

In der EKKW steht ein diakonisches Dezernat dafür, dass in der Kirche die gemeinsame Verantwortung für das soziale Leben wahrgenommen wird und dass Handlungsstrategien entworfen und weiterentwickelt werden. Dass Glauben dem gesellschaftlichen Leben nicht hilflos zuschaut, sondern als „Kirche für andere“ (Dietrich Bonhoeffer) und als „Kirche mit anderen“ (Gemeinwesendiakonie) gelebt werden kann, ist einem vielfältigen persönlichen Engagement zu verdanken, aber es braucht auch Anknüpfungspunkte in der Struktur.

Kirche als Ideenverbund, als Institution, bildet in ihrer organisatorischen Struktur Möglichkeiten zum Engagement aus und sorgt über ihr fachliches Know-how dafür, dass Benachteiligte und ihre Anliegen Menschen finden, die sich für sie stark machen.

Wo Hoffnung sichtbar wird, wird Kirche lebendig – und der Glaube zu einer Kraft, die der  Not standhält und Mut zum Handeln macht.

Glaube ist nicht hilflos

Diakonische Struktur und persönliches Engagement sorgen dafür, dass Glaube nicht hilflos ist in einer tosenden Welt, in der uns gesellschaftliche Zwänge fesseln und das Zusammenleben vielfach von Gewalt gekennzeichnet ist. 500 Jahre nach der Reformation in Hessen ist Kirche ein Lebenszusammenhang, der Menschen vergewissert, dass beispielsweise Kinder in der Gesellschaft, die Problemlagen von Alter und Pflege, gesundheitliche, körperliche und geistige Einschränkungen, soziale Belastungen und Isolation, die Schwierigkeiten der Migration, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt wahrgenommen werden.

Religiöse Traditionen können helfen, die Skandale unserer Zeit zu sehen und im Engagement einen persönlichen Sinn zu finden. Die Hoffnungsfunken, die der Glaube an Jesus Christus in unserer auferstehungsbedürftigen Welt entzündet, ermutigen zum Tätigsein im Alltag und dazu, einen persönlichen Glaubensweg zu gehen.

Hospizdienstes Fritzlar in die Kooperationsgemeinschaft „Ambulante Hospizarbeit im Kirchenkreis Schwalm-Eder“

2019 in Fritzlar: Aufnahme des Hospizdienstes Fritzlar in die Kooperationsgemeinschaft „Ambulante Hospizarbeit im Kirchenkreis Schwalm-Eder“

Homberger Tafel 2025: Gründerinnen Elisabeth Ganz, Adelheit Rothauge und Rosi Ditzel

20. Jahrestag der Homberger Tafel 2025 in Homberg (Efze): Die Gründerinnen Elisabeth Ganz, Adelheit Rothauge und Rosi Ditzel (von links)

Forum Diakonische Kirche 2024 in Schwalmstadt

Forum Diakonische Kirche 2024 in Schwalmstadt: „Möglich Machen – Jetzt! Soziales Handeln in Zeiten knapper Ressourcen“, Arbeitsgruppe mit Nadine Zollet, Projektreferentin „Sorgenetze“ der Diakonie Hessen (rechts)

Forum Diakonische Kirche 2024: Arbeitsgruppe

Forum Diakonische Kirche 2024: Arbeitsgruppe mit Sonja Pauly, Geschäftsführerin des Vereins für Regionalentwicklung Schwalm-Aue e.V. (links)

„Gut zu wissen“
Beim „Forum Diakonische Kirche“ am 21. Mai 2026 in der Homberger Stadtkirche St. Marien und bei einer „langen Tafel“ am 3. Juni 2026 auf dem Homberger Kirchplatz können Sie mehr über die diakonische Arbeit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und über die Arbeitsbereiche des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Schwalm-Eder erfahren. 

Portrait Dierk Glitzenhirn

Über den Autor: Dierk Glitzenhirn ist Pfarrer der EKKW und war 2010/11 als Diakoniepfarrer zur Vertretung im Schwalm-Eder-Kreis. Er ist auf zwei halben Stellen als Leiter des Evangelischen Forums Schwalm-Eder sowie als Studierendenpfarrer in Fulda tätig und ist 1. Vorsitzender der „Altenhilfe Treysa“, eines Nachbarschaftshilfevereins in der Diakonie Hessen in Schwalmstadt.

Bildlegenden

Kinder | Foto: stock.adobe.com/PoppyPix
Gruppenarbeit |  Foto: stock.adobe.com/Roman
Unterstützung | Foto: stock.adobe.com/Seventyfour
Diakonische Arbeit in der Region | Fotos: Dierk Glitzenhirn

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